Nina Canell, Perpetuum Mobile (2400 KG), 2009, 28 Litres of water, bucket, steel, hydrophone, mist-machine, amplifier, cable, 2400 kg concrete, Courtesy Konrad Fischer Galerie, installation view Kunstverein Hamburg, 2009, photo: Kunstverein / Fred Dott.

A Classical View of Water, Observing Its Literal and Figurative Properties

Nina Canell, Nerve Variation, 2009, Lightning rod, glass, neon, pipes, concrete, cable, 1000V, dimensions variable, Privatsammlung, Vicenza, Italien, installation view Kunstverein Hamburg, 2009, photo: Kunstverein / Fred Dott.

Nina Canell, Perpetuum Mobile (2400 KG), 2009 (Detail), 28 Litres of water, bucket, steel, hydrophone, mist-machine, amplifier, cable, 2400 kg concrete, Courtesy Konrad Fischer Galerie, installation view Kunstverein Hamburg, 2009, photo: Kunstverein / Fred Dott.

 

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Hamburg
Nina Canell
Five Kinds of Water

September 10-November 22, 2009

Die schwedische Künstlerin Nina Canell (*1979, lebt in Berlin) überführt in ihren fragilen Installationen von Menschen gemachte Objekte und ‚natürliche’ Fundstücke in Versuchsan-ordnungen über Veränderlichkeit. Ihre Ausstellung Five Kinds of Water im Untergeschoss des Kunstvereins bezieht sich auf die nicht nur aus der griechischen Philosophie vertrauten fünf Elemente, aus denen sich in verschiedenen Zuständen und Kombinationen alles Seiende zusammensetzt. Exemplarisch für diese temporäre Formfindung der sich stetig in Bewegung befindlichen Elemente steht hier Wasser als fluktuierende Substanz par excellence. Dement-sprechend setzt sich die Ausstellung in ihrer Gesamtheit aus fünf Arbeiten zusammen, die sich den transitorischen Eigenschaften von Wasser auf verschiedenste Weise nähern. Es taucht als buchstäbliches, seine Form und Präsenz veränderndes Material ebenso auf, wie als entfernte Bezugnahme.

Die für die Ausstellung neu entstandene Arbeit Perpetuum Mobile (2400 KG) verleiht Wasser gleich auf mehrfache Weise Präsenz. Mittels Ultraschall wird Wasser in Bewegung versetzt und Wasserdampf erzeugt, der sich langsam über den Rand des Gefäßes in den Ausstellungs-raum hinein ausbreitet. Dieser Vorgang wird über ein Mikrophon und einen Lautsprecher zeitweise verstärkt, wodurch der Moment des Übergangs in die unterschiedlichen Aggregatzustände symbolisch als Schallwellen hörbar gemacht wird. Der sich ausbreitende Nebel wirkt seinerseits auf einige Betonsäcke ein, die im Laufe der Ausstellungsdauer durch die mäandernde Luftfeuchtigkeit ihre Masse verändern. Die „werdenden Steine“ markieren einen Endpunkt der wechselnden Zustände von Wasser zu Wasserdampf hin zum den rhärtungsprozess des Betons in Gang setzenden Verdichtungsmittel. In Another Soft Stone (ebenfalls 2009) findet der Stein ein anderes Pendant in einer sich seiner Form anschmiegenden Neonröhre, deren Leuchten der festen Form des Steines einen Moment der „Anti-Form“ hinzufügt. Die eigentlich starren Materialien verweisen in ihrer zarten Transformation auf die Form verändernden Aspekte von Wasser und nähern sich einander auf subtile Weise an.

Einen weiteren Referenzrahmen eröffnen die Arbeiten Mutual Leap (After Nollét) (2008) und Nerve Variation (2009) deren Ursprung auf die „Leidener Flasche“ zurückzuführen ist, die im Jahr 1745 erstmalig entdeckt wurde. Hier wurde das Wasser in einer mit Metallbelegen ummantelten Glasflasche genutzt, um elektrische Ladung und die damit zusammenhängende Energie zu speichern. Der französische Wissenschaftler Abbé Nollét ließ bei einer öffentlichen Demonstration mehrere Mönche eine Kette bilden und entlud die „Leidener Flasche“ an ihnen. Sie alle erhielten dadurch einen elektrischen Schlag. Hierauf nimmt die fragile Anordnung von Mutual Leap Bezug, die einen Ring aus Knochen an elastischen Bändern ausbalanciert. Jener Nollét erkannte auch, dass ein Blitz physikalisch das gleiche Potenzial hat wie ein elektrischer Funke. Vielleicht lehnte er deshalb auch die von Benjamin Franklin 1752 entwickelten Blitz-ableiter rigoros ab.

In Nerve Variation werden beide Aspekte vereint, denn die auf einem Blitzableiter sitzende Glaskugel verweist entfernt auf die „Leidener Flasche“. Ist das Wasser leitfähiges Material, wurde Glas in früheren Zeiten wie ein Blitzableiter eingesetzt und sollte einen Einschlag verhindern. Es sind unsichtbare Energien und ihre Wirkung, die in beiden Arbeiten eine Rolle spielen. Das Wasser ist hier im Hintergrund verbleibender Träger, dessen Zustand sich durch die Aufladung nur unsichtbar verändert und stets instabil bleibt. Die Fluidität von Wasser wird so korrespondierend in Bezug zur Übertragung von Elektrizität gesetzt.

Die während ihres Aufenthalts in New York entwickelte Arbeit White Sands (2009) schließt den Kreis. In New Mexico entstand durch die Verdunstung von Wasser eine Wüste aus Kalziumsulfatkristallen, die als einziger Zeuge vom langen Weg des Wassers durch Berge und über Felsen zurückbleiben. Das einst im Zuge von Bewegung angereicherte Wasser sammelt sich als kleiner See, bevor es über Verdunstung zu einem Nichts wird und der Kreislauf von neuem beginnt. Der weiße Sand zeugt als Überbleibsel von seiner Kraft und beständigen Transformation.

So wird Wasser in der Ausstellung zum metaphorischen Stellvertreter für eine Erkundung verschiedener Zustandsformen: Objekte und natürliche Ereignisse erhalten eine temporäre skulpturale, fast performative Form, in der sich die einzelnen Materialien gegenseitig beeinflussen und beständig in Bewegung bleiben. Das formlose und veränderliche Wesen von Wasser ist somit der Ausgangspunkt für Fragen nach der Formwerdung von Substanzen, ihren jeweiligen Eigenschaften und deren potenzieller Veränderbarkeit. In den Arbeiten von Nina Canell werden die Materialienzeitliche und narrative Logik.

Nina Canell, Another Soft Stone, 2009, Photo: Kunstverein / Fred Dott.