
Paul Graham: Fotografie aus der Serie Beyond Caring, 1984-85 © Paul Graham, 2008.

Paul Graham: Fotografie aus der Serie Beyond Caring, 1984-85 © Paul Graham, 2008.

Paul Graham: Fotografie aus der Serie End of an Age, 1996-98 © Paul Graham, 2008.

Paul Graham: Fotografie aus der Serie End of an Age, 1996-98 © Paul Graham, 2008.

Paul Graham: Fotografie aus der Serie Television Portraits, 1990- © Paul Graham, 2008.

Paul Graham: Fotografie aus der Serie New Europe, 1986-92 © Paul Graham, 2008.

Paul Graham: Fotografie aus der Serie End of an Age, 1996-98 © Paul Graham, 2008. |
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Deichtorhallen Hamburg
Haus der Photographie
Deichtorstrasse 1-2.
Klosterwall 23
+49 (0) 40-321030
Hamburg
Paul Graham
Fotografien 1981-2006
September 24, 2010-January 9, 2011
Das Haus der Photographie in den Deichtorhallen zeigt in Kooperation mit dem Museum Folkwang die erste Retrospektive des britischen Fotografen Paul Graham (geb. 1956). Die Ausstellung präsentiert mit über 145 Bildern aus 11 großen, seit 1981 entstandenen Werkkomplexen eine repräsentative Auswahl seiner Arbeit.
Graham steht in der Tradition der sozialdokumentarischen Fotografie, die in England nach dem 2. Weltkrieg durch Bill Brandt geprägt und von Fotografen wie Chris Killip und John Davis weitergeführt wurde. In der Auseinandersetzung mit ihnen und mit der amerikanischen Fotografie der 60er und 70er Jahre entwickelte Graham ein innovatives, künstlerisches Werk, dessen Blick kompromisslos auf die soziale Wirklichkeit gerichtet ist.
Paul Graham lebt in New York. Seine letzten Serien American Night und A Shimmer of Possibilities sind in den USA entstanden. Die Auseinandersetzung mit den amerikanischen Schwarz-Weiß Fotografen Gary Winogrand, Lee Friedlander und Diane Arbus, die ihre Arbeit als individuelle Stellungnahmen zu gesellschaftlichen Entwicklungen definierten, aber auch mit der Farbfotografie von Stephen Shore und William Eggleston, deren Interesse sich auf Alltagssituationen und -objekte richtet, hat Grahams Bildsprache geprägt.
Zu einer Zeit, in der die Kunstfotografie zunehmend inszeniert, manipuliert oder im Studio produziert wird, oder die Welt auf eine kühle, konzeptualisierte Art auf Distanz gehalten wird, hebt sich Grahams Arbeit als kontinuierliche Beobachtung und Befragung der Lebenswirklichkeit ab.
Grahams erste Publikation A1 – The Great North Road, erschien 1981, eine Dokumentation, die entlang der englischen Nord-Süd Nationalstraße entstand. Graham nimmt bereits hier Anleihen bei traditionellen Genres der fotografischen Praxis und fügt sie neu zusammen. In der Serie Troubled Land, die sich mit der Situation Nordirlands auseinandersetzt, kombiniert er 1987 Landschaftsfotografie und Kriegsfotografie. Im Jahr zuvor war die farbige Reportage Beyond Caring entstanden, eine Bestandsaufnahme englischer Arbeitsämter und ihrer desolaten Tristesse. In den Serien American Night (1998-2002) oder in End of an Age (1996-1998) verschiebt er die Grenzen dessen, was gemeinhin als Bild oder Porträt akzeptiert wird.
Die Entwicklung seines fotografischen Schaffens ist eng verknüpft mit Fragen der Präsentation, die er für einzelne Projekte vom großformatigen Tableau bis hin zu kleinformatigen Sequenzen entwickelt.
Paul Graham hat die starke Tradition der britischen, sozialdokumentarischen Fotografie in seinem Werk aufgenommen, um sie vielfältig zu bereichern und weiter zu entwickeln. Seine Arbeiten beleben kritisch den fotografischen Diskurs und stellen die Dokumentarfotografie mit ihren „Aussagen“ in Frage. Dem gedruckten Bild und dem Buch kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Während die frühen Projekte noch in einer klassischen Tafelbildabfolge bei immer gleicher Bildgröße zusammengefasst waren, entwickelte Graham für die jüngsten Arbeiten sehr individuelle Buchformen, die durch unterschiedliche Formate, Materialien und Buchsequenzen die speziellen Arbeitsweisen hervorheben.
Das die Ausstellung begleitende Buch enthält drei Essays von David Chandler, Michael Almereyda und Russel Ferguson sowie eine illustrierte Bibliografie (384 Seiten, davon 250 in Farbe — Preis 48 Euro). (Z.Zt. nur auf Englisch erhältlich)
Kuratoren Prof. Ute Eskildsen, Leiterin der Fotografischen Sammlung am Museum Folkwang, Essen Ingo Taubhorn, Kurator Haus der Photographie in den Deichtorhallen.
Werkgruppen in der Ausstellung
1. A1-The Great North Road, 1981-1982 Graham bereiste die 400 Meilen lange Nordverbindung A1, die eine Hauptverkehrsachse von London entlang der schottischen Ostküste bis Edinburgh bildet. An der A1 entstehen eigene Wirtschaftsunternehmen mit Hotels, Cafés, Tankstellen und Autowerkstätten. Graham erfasst in seiner Serie sowohl den Wandel des sozialen Lebens als auch die Veränderung der Landschaft und thematisiert die Straße als zentrales Lebensfeld des Menschen.
2. Beyond Caring, 1984-1985 Der Fotograf suchtWarteräume verschiedener Londoner Sozialämter auf, um die Lage der Menschen, die in Not geraten und auf staatliche Unterstützung angewiesen sind, festzuhalten.Er fängt die bedrückende Atmosphäre und die psychische Niedergeschlagenheit der Wartenden prägnant ein. Die zumeistheimlich entstandenen Fotografien sind durch einen niedrigen Aufnahmestandpunkt und stürzende Linien gekennzeichnet, was die Perspektivlosigkeit der Menschen unterstreicht.
3. Troubled Land, 1984-1986 In Hinblick auf den Krieg in Nordirland zeigt Graham keine spektakulären Bilder, sondern hält subtile Spuren der Ereignisse in der nordirischen Landschaft fest. In den Ansichtenfindet man oft erst bei näherem Hinschauen Anspielungen auf das Kriegsgeschehen.
4. Empty Heaven, 1989-1995 Ein durch seine Vergangenheit traumatisiertes Land findet Graham in Japan. Der Fotograf trifft eine Motivauswahl, die über eine gängige Darstellung von Zerstörung und Opferschicksal hinausgeht. Hinter der lächelnden Fassade der japanischen Portraits thematisiert Graham subtil die noch immer bestehende traditionelle Rollenverteilung der Geschlechter. Die „Japanese Girls“ rücken aus ihrer gesellschaftlichen Passivität formal in das Zentrum des Bildes –vor dem Hintergrund einer patriarchal geprägten Vergangenheit. In den Aufnahmen setzt der Fotograf direktes Blitzlicht ein, das mit seiner grellen Aggressivität die Maskenhaftigkeit des Gesichtes hervorzuheben scheint. Die trivialen oder verhaltenen Gesten verraten gleichzeitig eine latente Verletzlichkeit. Die fast überbelichteten Gesichtspartien visualisieren mitkontraststarken großen Schattenzonen im Hintergrund den Konflikt zwischen persönlichen Bedürfnissen und kollektiven Erfordernissen. Graham erläutert seinen Ansatz: „Wenn man zum Kern der Dinge vorstoßen will, sollte man sich auf die Verpackung konzentrieren, auf die Methode des Verbergens; darin sehe ich die Hauptaufgabe meiner Arbeit.“
5. New Europe, 1986-1992 Durch zahlreiche Reisen entdeckt Graham, welche Last die Vergangenheit für das jeweilige Land und seine Bevölkerung sein kann. Während seiner fast zweijährigen Reise durch neun europäische Länder stößt der Fotograf auf unterschiedliche Spuren europäischer Geschichte. Als „nachdenklicher Reisender“ spürt er verborgene Winkel mit subtilen Zeichen der Vergangenheit in der Gegenwart auf. Sie zeigen den Umgang mit der jeweiligen Geschichte wie das belächelte und bespuckte Grab Francos. Die Portraits zeigen eine Flucht in den Konsum bis zur Ekstase und die Kommerzialisierung von Freundschaft und Sexualität. In den Fotografien werden Isolation und Entfremdung sichtbar. Im Kontext dieser Werkgruppe entwickeln sich sämtliche Motive zu einer „Topographie der Befindlichkeit“. Das Bild des entblößten Oberkörpers des Kriegsveteranen mit der Armamputation holen den Betrachter brutal in die Realität des versehrten Europas zurück. Graham arbeitet vielschichtige Facetten der europäischen Gegenwart heraus, indem er den Schatten der Vergangenheit einem gleichzeitig unerschütterlichen Fortschrittsglauben gegenüberstellt.
6 Television Portraits, 1988-1989 Die Werkgruppe zeigt Portraits von Menschen, die in sitzender oder liegender Position fernsehen. Sie schauen nie direkt in die Kamera, da ihre Aufmerksamkeit vollständig dem Bildschirm gewidmet ist. Der Betrachter wird sich seiner Rolle als Zu-Sehender bewusst – er wird zum Voyeur einer privaten intimen Szene.Durch die reflektierten Lichter der Bildschirme nehmen die Fotografien einen surrealen Charakter an.
7 Ceasefire, 1994 Während einer weiteren Reise nach Nordirland entscheidet sich Graham am 6. April 1994, nur den Himmel zu fotografieren. Die Wolkenformationen spiegeln die irdischen Dramen im Himmel, sie erinnern an die Malerei des englischen Landschaftsmalers William Turner.
8. Paintings, 1997-1999 Der Zyklus Malereien thematisiert einen tabuisierten Bereich des täglichen Lebens: Innenansichten öffentlicher Toilettenanlangen. Die Fotografien zeigen Graffitis und Kritzeleien mit sexuellen Inhalten, die Besucher im Schutze der Anonymität hinterlassen haben. Einschlägige Fantasien und Angebote, traditionell eher bildunwürdige Inhalte, löst Graham aus ihrem räumlichen Kontext und erhebt sie, wie der Titel provozierend vermerkt, zu einem eigenständigen abstrakten Bild.
9. American Night, 1998-2002 Mit seiner Werkgruppe Amerikanische Nachtthematisiert Graham als Dokumentarfotograf die soziale Realität und als Künstler die Grenzen der Fotografie bzw. das Sehen selbst. Starke Kontraste zeichnen die Serie aus: Farbaufnahmen von standardisierten Fertighäusern, die dem Klischee des „American Dream“ entsprechen, stehen farblosen „weißen“ Fotos gegenüber, die karg ärmliche Viertel zeigen. Es sind Darstellungen urbaner Randbezirke wie Parkplätze und Brachflächen, in denen einzelne Passanten isoliert und einsam erscheinen – eine Art Niemandsland. Den gezielt überbelichteten Fotografien ist ein beherrschendes Weiß zu Eigen, dass an einen Nebenschleier oder anblendendes Licht erinnert. Es erfordert eine hohe Konzentration, um die fotografische Darstellung dieses Niemandslandes zu erkennen. Der Betrachter steht wie ein „Blinder“ oder wie in einem Tagtraum gefangen vor diesen Bildern. Diese Unkenntlichkeit in der Farblosigkeit kann als Metapher dafür gelten, dass viele die soziale Realität nicht wirklich sehen und wahrnehmen (wollen). Die ungleichen Bilder innerhalb des Bildzyklus unterstreichen die sozialen und gesellschaftlichen Gegensätze.
10. End of an Age, 1996-1998„The best of time is always now“– eine Leitidee für Grahams Portraitserie, die sich mit dem Ende einer Lebensphase auseinandersetzt. Sie entsteht in einer Zeit, in der er sich die Frage nach seiner eigenen Situation stellt. Etwas zutiefst Menschliches, dass in der Phase zwischendem Kind- und Erwachsensein besondere Relevanz hat. Zu sehen sind Einzelbildnisse von Jugendlichen in nachdenklichen, manchmal selbstvergessenen Posen in Bars, auf Partys oder anderswo. Für Graham ist das Portrait eine der tiefgründigsten fotografischen Aufgaben, denn es gilt, die innere Haltung durch die äußere Erscheinung sichtbar zu machen. Fotografisch erinnern die Bilder mit Unschärfen, Farbkontrasten, roten Augen und schlecht eingesetztem Blitzlicht an Amateuraufnahmen. Graham blendet professionellen Perfektionismus aus und vergegenwärtigt damit die Indifferenz und Ambivalenz, die diese Lebensphase ausmacht. Wie westliche, wohlhabende, weiße Jugendliche mit ihrem Leben umgehen und den Punkt passieren, zu dem es keinen Weg zurück gibt, das ist das Thema von End of an Age. Graham lässt offen, ob der Betrachter sich darin wieder findet oder die Bilder zum Anlass nimmt, über soziale Privilegien der westlichen Gesellschaft nachzudenken.
11. The Shimmer of Possibility, 2004-2005 Der poetische Titel Grahams ist angelehnt an Anton Tschechow, der in seinen Dramen Übergangsmomente beschreibt, tragikomische, mit einem Hoffnungsschimmer am Horizont, ohne diesen genau zu benennen. Grahams Fotografien entstanden an verschiedenen Orten der USA. Aus bis zu 15 einzelnen Fotografien bestehen die Sequenzen dieser Serie, ohne dabei eine lineare Geschichte zu erzählen. Er portraitiert einen schwarzen Amerikaner, der mit einem Handrasenmäher eine riesige Fläche beackert, während Wolken die müde Nachmittags- sonne verhängen und der Regen glitzernd einsetzt. In halbvollen Supermarktregalen stehen Konservendosen, Grundnahrungsmittel wie Reis oder wohl angeordnete Stücke Seife. Menschen halten in ihren Bewegungen inne, als wenn sie ihr eigentliches Vorhaben überdenken würden. Graham registriert die Details und jedes Einzelbild, mit einem offenen Vorher und Nachher, birgt einen Shimmer of possibility– „yes we can“ könnte der aktuelle Slogan für diese Serie sein und macht deutlich, dass auch seine neueste Arbeit ein Interesse an der sozialen Wirklichkeit formuliert:„Look at this ordinary moment of life. See how beautiful it is, see how life flows around us, how everything shimmers with possibility“, bemerkt Graham.
Fotobücher Die Entwicklung des fotografischen Schaffens ist bei Graham eng verknüpft mit Fragen der Präsentation. Dem gedruckten Bild und dem Buch kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Fotobücher werden vom Künstler als unabhängige Werke und nicht als Ausstellungsdokumentationen angesehen. Sie stellen den Versuch dar, innerhalb eines anderen Mediums die fotografische Arbeit zu repräsentieren. Während die frühen Projekte noch in einer klassischen Tafelbildabfolge bei immer gleicher Bildgröße zusammengefasst sind, entwickelt Graham für die jüngsten Arbeiten individuelle Buchformen, die durch unterschiedliche Formate, Materialien und Sequenzen die speziellen Arbeitsweisen hervorheben. Als Beispiel sei American Night angeführt, bei dem er das Fotografieren mit dem gleichnamigen Filmfilter, welcher es erlaubt Nachtszenen auch tagsüber zu drehen, in die Buchgestaltung überträgt. Weiß auf weiß steht der Text im Buch und ist nur bei guten Lichtverhältnissen zu lesen. Die gedruckte Form versteht sich als Äquivalent der Fotoserie. 2004 wird es mit dem deutschen Fotobuchpreis ausgezeichnet. „The book is personal and direct, from the artist to you, complete and faithful“,kommentiert Graham 2007. |