Fiona Rae, Untitled (Grey with Rectangulars), 1991, Oil on canvas, 213 x 198 cm, © Fiona Rae; Courtesy, Timothy Taylor Gallery, London, Foto: Jochen Littkemann, Berlin.

From the Marx Collection in Berlin's Hamburger Bahnhof

Matthew Barney, Cremaster 1: Choreography of Goodyear, 1995, Farbfotografie in Kunststoffrahmen, 2-teilig, je 70,5 x 85 cm, © Matthew Barney, Courtesy Gladstone Gallery, New York, Foto: Jochen Littkemann, Berlin.

Andy Warhol, Mao, 1973, Silkscreen print on acrylic paint on canvas, 448,3 x 346,1 cm, © Andy Warhol Foundation for the Visual Arts / Artists Rights Society (ARS), New York City, Foto: Jochen Littkemann, Berlin.

Roy Lichtenstein, Femme dans un fauteuil, 1963, 172,7 x 122 cm, © 2007 VG Bild-Kunst, Bonn.

Robert Rauschenberg, Pink Door, 1954, Oil paint, collage on cotton, door frame, gauze, door, 230 x 121 cm, © Robert Rauschenberg / VG Bild-Kunst, Bonn 2007, Foto: Horst Luedeking.

 

Hamburger Bahnhof
Invalidenstraße 50/51
+49-0-30-3978-3412
Berlin
Reset – Werke aus der Sammlung Marx
November 22, 2007-August 17, 2008

By EUGEN BLUME

Bedeutende Werkgruppen der Sammlung von Erich Marx — vor allem der nordamerikanischen Künstler, die für eine Ausstellung temporär in das von Richard Meyer erbaute Privatmuseum von Frieder Burda nach Baden-Baden ausgeliehen waren —, sind wieder an ihren Ort, die von Josef Paul Kleihues gebaute Grande Galerie im Ostteil des Hamburger Bahnhofs, zurückgekehrt. Diese in der Geschichte der seit 1996 im Hamburger Bahnhof beheimateten Sammlung einmalige Ausleihe nahmen wir zum Anlass, um unter dem Titel Reset einen Neustart, also eine neue Fassung der Präsentation vorzustellen.

Ohne die Sammlung von Erich Marx würde es den Hamburger Bahnhof in seiner heutigen Gestalt nicht geben. Erstmals wurde diese im Verborgenen — ein erstaunliches Phänomen der Sammlungsgeschichte — gewachsene Sammlung 1982 an keinem geringeren Ort als der Neuen Nationalgalerie in Berlin der Öffentlichkeit präsentiert. Es war ein überraschendes Debüt mit erstaunlichen Werkgruppen von Künstlern, die allesamt bereits Weltruhm erlangt hatten: des Deutschen Joseph Beuys und der Amerikaner Andy Warhol, Robert Rauschenberg und Cy Twombly. Diese Erstpräsentation erweckte den Eindruck, der Sammler sei mindestens zwanzig Jahre unterwegs gewesen, um diese hochrangige Kollektion zusammenzustellen.

Tatsächlich waren nicht einmal zehn Jahre seit dem Entschluss des aus Baden stammenden und in Berlin lebenden Geschäftsmannes vergangen, eine Sammlung auf höchstem Niveau zusammenzutragen. Gemeinsam mit seinem in Kunstdingen engsten Berater, Heiner Bastian, hatte sich Erich Marx vorgenommen, nur Werke von musealem Rang zu erwerben. Sein Spiritus Rector hat ihm mit einer Ausnahme die Künstler dieser fiktiven hall of fame vorgeschlagen; von Cy Twombly hatte sich Erich Marx bereits ein Werk gekauft. Nach der Eröffnung der grandiosen Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie, zu der Beuys, Warhol und Rauschenberg gekommen waren, dachte noch niemand daran, dieser Sammlung von Weltrang einen dauerhaften Platz in Berlin anzubieten. Stattdessen kam Johannes Cladders aus Mönchengladbach — dem ein anderer Privatsammler für sein gerade von Hans Hollein fertiggestelltes Museum Abteiberg in letzter Minute abgesagt hatte —, um Erich Marx zu bitten, seine Sammlung für den anspruchsvollen Neubau für Jahre auszuleihen. So kam es, dass sich die wunderbaren Werkgruppen erst einmal in Mönchengladbach niederließen und von da aus ihren Ruhm bis nach Berlin und anderswohin verkündeten.

Doch selbst als man der Idee näher trat, diese in Berlin entstandene Sammlung in der Stadt zu halten, war kein entsprechendes Gebäude zu finden; die Neue Nationalgalerie an der Potsdamer Straße, die der natürliche Partner eines solchen Begehrens war, litt unter größter Platznot. Bald schon aber rückte der Hamburger Bahnhof — der im Krieg beschädigt worden war, dann kurioserweise unter Verwaltung der ostdeutschen Reichsbahn gestanden hatte und ab Mitte der 1980er-Jahre nach einem Gebietsaustausch zu Westberlin gehörte — in das Blickfeld unterschiedlicher Ausstellungsmacher. Die damals noch in Mode stehende Suche nach exotischen Präsentationsorten bediente das große, bereits 1906 zum Bau- und Verkehrsmuseum umgerüstete Bahnhofsgebäude besonders durch seinen romantischen Charme einer durchornamentierten und gelebten historistischen Architektur. Vor allem zwei Ausstellungen lieferten den Beweis dafür, dass dieses Haus für die klassische Moderne und für die zeitgenössische Kunst mehr als tauglich war: 1988/89 die Präsentation der Sammlung von Ileana Sonnabend unter dem Titel Museum der Avantgarde und 1988 die thematische Ausstellung Zeitlos von Harald Szeemann. Sein Projekt war in vielerlei Hinsicht die Antizipation des kommenden dritten Hauses der Nationalgalerie, wenn Szeemann auch vehement den alten Zustand favorisierte und später den von Josef Paul Kleihues vorgenommenen Umbau völlig ablehnte.

Unter anderem hatte der 1996 von Richard Long anlässlich der Eröffnung des Hamburger Bahnhofs aus grünem schottischem Schiefer geschaffene Berlin Circle bereits in dem Madrid Circle von 1986 einen Vorläufer, den Harald Szeemann ebenfalls in die große Halle gelegt hatte. Und Sol LeWitts Cube Without a Corner, 1988 für diese Ausstellung entstanden, konnte später von der Nationalgalerie erworben werden. Die Ausstellung testete erfolgreich die Räume aus, um eine »Vermählung zwischen Skulptur und Architektur« (so Markus Brüderlin im Ausstellungskatalog) zu ermöglichen. Erst als dieser Test bestanden war, konnte man von der Museumstauglichkeit der Räume sprechen. Der vom Land Berlin beschlossene und von Josef Paul Kleihues ausgeführte Umbau veränderte bis auf die historische Eingangshalle die Gestalt des Museums zugunsten sachlicher, weiß gehaltener Ausstellungsräume völlig. Kleihues hat die historistische Innengestalt im Sinne seiner sogenannten kritischen Rekonstruktion vollständig aufgelöst und im Osten eine große tonnengewölbte Gemäldegalerie für den Malereibestand der Sammlung Marx errichtet, dem im Westen ein bis heute nicht gebautes Pendant folgen sollte.

Die Veröffentlichungs-geschichte der Sammlung Marx begann in der Nationalgalerie und wird schließlich seit 1996 in der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof — Museum für Gegenwart — Berlin auf unbegrenzte Zeit hin fortgesetzt. Der Kernbestand der Sammlung folgt einem einfachen, aber äußerst sinnvollen Konzept: nämlich der Konzentration auf zunächst vier namhafte Künstler — alle dem Geburtsjahr nach der Generation von Erich Marx zugehörig — mit entsprechend bedeutenden Werkgruppen. Erich Marx und Heiner Bastian ist dies auf beeindruckende Weise gelungen. Später sind die ersten Namen Joseph Beuys, Andy Warhol, Robert Rauschenberg, Cy Twombly um Roy Lichtenstein, Donald Judd, Anselm Kiefer erweitert worden. Sonderinteressen galten der italienischen Transavanguardia und den sogenannten Neuen Wilden, einem letzten neoexpressiven Aufbruch der deutschen Malerei. Noch später, allerdings mit zahlenmäßig kleineren Gruppen, sind unter anderem Bruce Nauman, Cindy Sherman, Jeff Koons, Rachel Whiteread in den Sammlungsbestand eingezogen. Auch die Fortsetzung amerikanischer Malerei stand im Interesse der Sammlungserweiterung, etwa mit Julian Schnabel, Ross Bleckner, Peter Halley oder dem von Warhol geförderten Jean-Michel Basquiat.

Es galt nun im Laufe der Jahre, die beste Gestalt für die auf Dauer in das renovierte Haus Hamburger Bahnhof eingezogene Sammlung von Erich Marx zu finden. Die erste Fassung 1996 war einer Gemeinschaftsarbeit zwischen dem damaligen Direktor der Nationalgalerie Dieter Honisch und dem Kurator der Sammlung Heiner Bastian zu danken. Inzwischen hat es mehrere, veränderte Auftritte gegeben, und noch immer ist das Museum — was seine angestammte Aufgabe ist — auf der Suche nach dem besten Ausdruck und dem stärksten Energiefeld, das Kunstwerke in einer Architektur je erlangen können. Denn nichts stellt sich von allein an seinen Platz. Jeder Standort ist das Ergebnis einer vorausgegangenen Entscheidung. Das Museum ist in seiner Sammlungs-präsentation ein kunstvoller Bau, der ein starkes Empfinden seiner Kustoden für energetische Zusammenhänge voraussetzt. Im Jahr 2005, in der letzten Neufassung der Sammlung Marx unter dem warholschen Titel Do It Yourself, ist die bis dahin ohne jedweden Einbau bespielte sogenannte Kleihueshalle (Ostgalerie) erstmals für die amerikanischen Gemälde der Sammlung mit großen Stellwänden ausgerüstet worden. Es hat sich heute, gerade auch durch die vorausgegangene Brice-Marden-Ausstellung, gezeigt, dass eingebaute Wände in diesem 80 Meter langen und 11 Meter hohen Raum die Kraft der Bilder, aber auch der Skulpturen stärken.

Um einer Neufassung, die sich auf gelungene Inszenierungen der Vergangenheit bezieht, tatsächlich auch etwas Neues hinzuzustellen, haben wir einen im Moment sehr aktuellen Dialog mit Werken anderer Generationen und Zeiten gewagt. Nur punktuell, leise, ohne jegliche Belehrung, gleichwohl aber in der Hoffnung, erhellend zu wirken. Wenn den comiclinearen Picasso-Adaptionen von Roy Lichtenstein ein ebenfalls linear gehaltener Picasso (aus der Sammlung von Heinz Berggruen) gegenüberhängt, sollte sich ein interessanter Dialog ergeben. Oder ein Obststilleben aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts könnte ein überraschendes Gespräch mit der Weintrauben ordnenden Demiurgin aus Matthew Barneys Cremaster 1 führen. Möglicherweise wird der Besucher vor der Melencolia I von Albrecht Dürer in der Nähe von Anselm Kiefers Volkszählung stutzen, bis er in ihrem Innern jenes allerdings gläserne Polyeder wahrnimmt, das in Dürers Meisterstich eine zentrale Rolle spielt. Auf diese Weise sind kleine bildnerische Gesprächsinseln in die Sammlungspräsentation hinein komponiert, die verdeutlichen, was ein Museum aus seinen Beständen heraus intelligibel zusammenführen kann.

Joseph Beuys, Das Ende des 20. Jahrhunderts, 1982-83, Installation Hamburger Bahnhof, © VG BILD-KUNST, Bonn.